Musikalisches Knistern in Gehlenbeck:
„La Finesse“ schlägt Brücken zwischen Klassik und Moderne

Von der veranstaltenden Kaktusgruppe der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Gehlenbeck wurde es bei der Begrüßung auf den Punkt gebracht: Im Kirchraum herrschte ein besonderes Knistern, Ausdruck eines ausgeprägten Spannungsbogens schon vor Konzertbeginn. „Wir erleben heute Musik, die auf wundersame Weise Wellen schlägt zwischen Tradition und Gegenwart. Die vier Künstlerinnen auf der Bühne im Altarraum verschmelzen gekonnt zu einem fast schon symbiotischen Ganzen. Was wir erleben, wird wahrlich himmlisch und passt deshalb sehr gut zu dieser wunderbaren Kirche“, so wurde begrüßend die freudige Erwartung des Publikums aufgenommen und Außergewöhnliches angekündigt.
Wenig später brandete erster Applaus durch St. Nikolaus, als das Quartett „La Finesse“ – sichtlich gut gelaunt und ganz in Rot gekleidet – die Bühne betrat. Mit Musik von Antonio Vivaldi bewiesen die Musikerinnen gleich zu Beginn und unmissverständlich, dass sie eine große Menge Energie mitgebracht hatten. „Hier kann heute Abend gar nicht die reale Temperatur gelten, sondern nur, wie wir uns im Inneren fühlen – und das ist jetzt schon spürbar warm und kuschelig“, machte eine der Künstlerinnen deutlich.
Kurz darauf erlebten die Zuhörer einen grenzenlosen Mozart und einen musikalischen Skandal mit Augenzwinkern: Gemeint war der gelegentliche Vorwurf, dass Tango-Meister Carlos Gardel bei einem berühmten Stück eine Passage bei Wolfgang Amadeus Mozart „geklaut“ habe. „La Finesse“ verstand es brillant, beide Stücke zu verweben und fließend vom originalen Mozart in Richtung Gardel zu wechseln.
Es folgte eine musikalische Zeitreise in das Jahr 1950. Zu dem bekannten Stück „Typewriter“ von Leroy Anderson wurde es interaktiv: Schnell war ein Freiwilliger aus dem Publikum gefunden, der anstelle der Schreibmaschine eine Hotelklingel taktvoll bediente – ein schallender Applaus war der Lohn. Für Illusionen sorgte die ikonische und unverkennbare Filmmusik aus „Der dritte Mann“, bei der man den besonderen Klang einer Zither hörte, obwohl das Instrument auf der Bühne nicht zu finden war.

Damit war der Grundstein für einen amüsanten Wettstreit gelegt, bei dem alle Instrumente einmal gegeneinander antraten. Die Musikerinnen enthüllten dabei auch eine Anekdote: Die unterschiedlichen Tonlagen ihrer Instrumente hatten sie mit fachkundiger Hilfe in die Kreation eines eigenen Weines übertragen, der nun so schmecke, wie das Quartett klingt. Mit „Palladio“ von Sir Karl Jenkins bewies „La Finesse“ eindrucksvoll, dass es ihnen leichtfiel, die Brücke zwischen Klassik und Moderne zu schlagen. Vor der Pause wurde es mit einem „Quodlibet“ (Lateinisch für „was beliebt“) noch einmal humorvoll und interaktiv, als das Publikum gleichzeitig in verschiedenen Gruppen unterschiedliche Lieder sang. Das Ergebnis konnte sich hören lassen.
Experimentierfreudig und unvorhersehbar ging es nach der Pause weiter: Gekonnt waren Ludwig von Beethoven und ACDC auf der Bühne zu hören. Auch „Paint It, Black“ von den Rolling Stones erhielt eine besondere musikalische Beziehung in Verbindung mit Musik des russischen Komponisten Sergei Sergejewitsch Prokofjew. Ein ungewöhnliches Instrument sorgte wenig später für Aufsehen: Eine singende Säge demonstrierte ihre klanglichen Möglichkeiten, wobei das Publikum erfuhr, dass auch Marilyn Monroe zu Lebzeiten sehr gut singende Säge spielen konnte. Mit „Hijo de la Luna“ präsentierte das Quartett eine der bekanntesten Balladen Spaniens. Auf nachdenkliche Momenten folgte mit einem Medley der legendären britischen Rockband Queen sehr Schwungvolles. Die schier nicht zu bremsende musikalische Energie begeisterte das Publikum. Zum Abschluss des Konzertes wurde es mit „Klassik on Catwalk“ noch einmal erfrischend experimentell: Die sechs erfolgreichsten klassischen Musikstücke aller Zeiten wurden modern präsentiert, ohne ihren besonderen Reiz zu verlieren. Einige Zugaben und minutenlanger Applaus rundeten einen ganz besonderen Abend ab.
Noch mehr zu der Gruppe: www.lafinesse-quartett.de